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Interpretationsforschung

 

Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert

Publikationsprojekt in 4 Bänden

Seit bald einem Vierteljahrhundert hat die Beschäftigung mit Fragen der Aufführung in der Musikwissenschaft Hochkonjunktur. Nachdem man sich über 100 Jahre vornehmlich mit Kompositionen und Komponisten beschäftigt hatte, entdeckte man in den 1970er Jahren zuerst den Rezipienten, in den 1990er Jahren dann auch den Interpreten.
Zugleich boomte im Konzertleben die historisch informierte Aufführungspraxis, die sich seit den 1980er Jahren nach der Musik des Barockzeitalters zunehmend auch der Musik der Klassik, Romantik und des frühen 20. Jahrhunderts annahm, wobei sie einer ganzen Reihe von Musik zu neuem Leben verhalf, die man mehr oder weniger schon abgeschrieben hatte, darunter die Musik Vivaldis, Glucks und sogar Haydns, um nur drei Beispiele zu nennen.

Auch dadurch wurde deutlich, dass der Aufführung von Musik in Geschichte und Gegenwart eine weit größere Bedeutung zukommt, als es die ältere Musikwissenschaft geglaubt hatte und als ihr wissenschaftspraktisch wünschenswert schien. Das flüchtige Medium der musikalischen Interpretation, das zudem nur in Wechselwirkung mit Kompositionen, die interpretiert werden, zu denken ist, setzt einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung nicht geringe Schwierigkeiten entgegen.

Will man dem Phänomen der musikalischen Interpretation in seiner ganzen Breite und Tiefe, in all seinen Facetten gerecht werden, so gibt es eine Fülle von Fragen und Gegenständen, die sich jeweils zu eigenen achtunggebietenden Forschungsfeldern auswachsen. Dabei geht es zunächst einmal um Fragen der Ästhetik und Ideengeschichte sowie der Geschichte von Institutionen und Medien. Natürlich ist für eine Beschäftigung mit Interpretation die Auseinandersetzung mit Begriffen wie Werktreue, Autorintention und Interpretensubjektivität unverzichtbar. Natürlich ist ein Gegenstand wie die Interpretation nicht zuletzt auch ein Produkt der Institutionen öffentliches Konzert und Oper mit ihren Auftrittsgepflogenheiten und Publikumsritualen, bzw. der technischen Medien Schallplatte und Radio, Fernsehen und Internet mit ihren je eigenen Verbreitungs- und Wahrnehmungsformen.

Andererseits wird Interpretation und ihre Geschichte nicht nur in der Ganzheit musikalischer Aufführungen greifbar, sondern auch in einzelnen Aspekten, die sich gesondert beschreiben lassen und die immer wieder auch gesondert beschrieben und wahrgenommen worden sind, darunter Tempo, Dynamik und Klangfarbe, Instrumente, Stimme, Körper, Räume und vieles andere mehr.

Schließlich gilt es, die handelnden Akteure mit ihren individuellen Konzeptionen wie in ihren Schul- und Generationszusammenhängen in den Blick zu bekommen. Hier jetzt irgendwelche Namen zwischen Beethoven und Maria Callas, Paganini und Alfred Brendel nennen zu wollen, würde jede Projektskizze sprengen.
Den so skizzierten Aspekten entspricht die Gliederung des Projekts in 4 Teile bzw. Bände.

I Ästhetik – Ideen
II Institutionen – Medien
III Aspekte – Parameter
IV Personen – Stile – Konzepte

Dass ein so umfangreicher Gegenstand, der musikwissenschaftliche wie musikpraktische Kenntnisse voraussetzt, der ganz unterschiedlicher wissenschaftlicher Methoden bedarf – Methoden der historischen und der systematischen Musikwissenschaft, der Geschichts- und der Sozialwissenschaften, hermeneutischer Verfahren wie dem Einsatz von Computertechnologie –, dass ein solcher Gegenstand angemessen kaum mehr von einem Wissenschaftler allein behandelt werden kann, ist leicht einzusehen. Am Projekt der Geschichte der musikalischen Interpretation im 19. und 20. Jahrhundert sind denn auch über 40 Forscher*innen beteiligt. Das Staatliche Institut für Musikforschung hat das Projekt über lange Jahre in regem Austausch mit ihnen konzipiert und weiterentwickelt, jetzt sorgt es für seine Verwirklichung: die Fertigstellung, Redaktion und Veröffentlichung der Beiträge. Im Mai 2019 ist der erste Band erschienen, die übrigen drei Bände sollen in jährlicher Folge herauskommen.

Chronologisch erstreckt sich das Projekt auf die letzten beiden Jahrhunderte: das 20. Jahrhundert, dem wir selbst entstammen und zu dem es bislang überhaupt keine zusammenfassende Darstellung gibt, sowie das 19. Jahrhundert als dem Jahrhundert, in dem sich "Interpretation" im engeren Sinne überhaupt erst herausgebildet hat, dessen Interpretationsgepflogenheiten sich neben schriftlichen Dokumenten ansatzweise schon durch frühe Klangaufzeichnungen erhellen lassen und zu dem einstweilen auch nur verstreute Ansätze vorliegen, vornehmlich aus dem Bereich der Historischen Aufführungspraxis.

Von einer Geschichte der Aufführungspraxis unterscheidet sich das Projekt des SIMPK aber überhaupt durch seinen breiteren Fokus, der in weit höherem Maße auch Aspekte der Kulturgeschichte miteinbezieht (Ästhetik und Ideengeschichte, Institutions- und Mediengeschichte). Von einer Geschichte der Performance im Sinne jüngster Performancetheorien unterscheidet es sich dagegen durch den Stellenwert, den es trotz aller Befassung mit Akten der Aufführung dem Begriff des musikalischen Kunstwerks einräumt. Denn es waren vor allem "Kunstwerke" im emphatischen Sinne, die man interpretierte und um die das Nachdenken über die Kunst des Vortrags kreiste, und nicht einfach "Skripte", die man "performte" – wie es bei Nicholas Cook heißt. Diesen Sachverhalt zu verleugnen, hieße das Kind mit dem Bade auszuschütten. Daher auch der Begriff Interpretation im Titel des Projekts und nicht "Aufführungspraxis" oder "Performance".

Disposition

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