###

Stellungnahme zum Gutachten des Wissenschaftsrats


 

Empfehlungen des Wissenschaftsrats SPK 2020
Richtigstellung des Staatlichen Instituts für Musikforschung PK


Das Gutachten des Wissenschaftsrats ist der Arbeit des SIM in keiner Weise angemessen. Die kritischen Wertungen auf den Seiten 37/38 stellen die Bedeutung der Forschungsarbeit des Instituts ohne Begründung pauschal in Abrede. Große Teile der wissenschaftlichen Aktivitäten und Projekte werden nicht einmal erwähnt. Mit der Empfehlung einer Eingliederung des Instituts als Musikinstrumenten-Museum in die Staatlichen Museen zu Berlin wird dem SIM der selbstbestimmte Forschungsauftrag durch direkte funktionale Ausrichtung auf das Museum entzogen. Der Eindruck drängt sich auf, dass das Resultat von vornherein feststand und eine unvoreingenommene Auseinandersetzung mit der Forschungsarbeit des SIM außerhalb des Museums deshalb nicht stattfand.

Das SIM zeichnet sich durch singuläre Forschungsprojekte in allen drei Abteilungen aus. Im entscheidenden Abschnitt der Seiten 37/38 des Gutachtens des WR fristen sie ein Schattendasein. Das Großprojekt "Briefwechsel der Wiener Schule" ist allein in der Aussage präsent, das Institut sehe sich als geeigneter Ort für Langzeit-Editionsprojekte; von der realen Existenz der international vernetzten Edition, deren Rang und Attraktivität unstrittig ist, erfährt man nichts. Die von der DFG geförderten Forschungen zur audiovisuellen Wahrnehmung von Aufführungsräumen (Audio-visual perception of acoustical environments), werden mit keiner Silbe erwähnt, ebenso wenig die Weiterentwicklung zum Sound and Vision Experience Lab als Vermittlungsprojekt der akustischen Abteilung im öffentlichen Raum des Museums, in dem auch Ergebnisse der musikhistorischen Forschung interaktiv und anschaulich präsentiert werden.

Die Leistung einer Forschungseinrichtung schlägt sich in Publikationen nieder. Dass das Institut überhaupt publiziert, wird an keiner Stelle auch nur erwähnt; die fünf Buchreihen des Hauses sowie das SIM-Jahrbuch kommen schlechterdings nicht vor, ebenso wenig die Bestands- und Ausstellungskataloge des MIM sowie die großen online-Publikationen auf der Website des Instituts. Folgerichtig unterbleibt auch jede Aussage zur Qualität der Publikationen des SIM, die mehrfach durch Preise ausgezeichnet worden sind.

Bemängelt wird die Unverbundenheit der Forschungsthemen des Hauses, wobei einziges Kriterium der Zusammenhang mit dem Musikinstrumenten-Museum ist. Der Paradigmenwechsel zur Interpretationsforschung wird zwar angeführt, jedoch gänzlich unsubstantiiert. Die Tatsache, dass diese Fokussierung in intensiver Beratung mit dem wissenschaftlichen Beirat des Instituts festgelegt wurde, findet keine Erwähnung. Ihre inhaltliche Pointe, dass damit ein Gegenstand identifiziert wurde, für den alle Kompetenzen des Hauses Beiträge liefern können, wird dadurch unsichtbar. Von greifbaren Resultaten dieser Anstrengungen ist wiederum keine Rede: von der Existenz der Reihe "Geschichte der musikalischen Interpretation" erfährt man nichts, ebenso wenig von den aus dem Projekt abgeleiteten internationalen Kongressen aller Abteilungen mit ihren zugehörigen Publikationen. Die in der Forschungsstrategie des SIM angeführte strukturelle Fortführung im digitalen Raum wird nicht erwähnt, so wenig wie die Anreicherung durch bestehende Digitalisierungsprojekte wie das Archiv des Konzertlebens und die Topographie des Berliner Konzertlebens.

Als weiteren Kritikpunkt führt das Gutachten an, die Arbeit des SIM weise "nur wenige Bezüge zur (universitären) Musikwissenschaft auf". De facto pflegen die drei Abteilungen des Hauses auf allen Arbeitsebenen enge Beziehungen: von den Autor*innen des Jahrbuches über die Einbeziehung bei den Kongressen am Institut bis hin zu offiziellen Kooperationen bei Symposien und Publikationen (u. a. TU Berlin, Moscow Tchaikovsky Conservatory, Sorbonne Paris, Gesellschaft der Musikfreunde Wien, Universitäten zu Wien, Pavia).

Es wird behauptet, das Institut kooperiere innerhalb der SPK "lediglich punktuell mit den anderen Einrichtungen". Keine Erwähnung findet die Reihe einrichtungsübergreifender Ausstellungen, für die das SIM verantwortlich zeichnet: "Friedrichs Montezuma. Macht und Sinne in der preußischen Hofoper" (2012, mit Exponaten aus allen Stiftungseinrichtungen); "Busoni. Freiheit für die Tonkunst!" (2016/17, Kooperation von SIM, SBB und KB); "¡Che Bandoneón!" (2019, Kooperation mit dem IAI).

Die Bibliographie des Musikschrifttums wird als nützlicher Service benannt. Nicht gewürdigt wird die Tatsache, dass die BMS eine institutionelle Kooperation mit RILM New York unterhält und damit global vernetzt ist, zugleich aber ihr spezifisches Profil behauptet: Die Dienste von RILM werden kommerziell verwertet, das SIM stellt seine Daten im open access weltweit kostenfrei zur Verfügung. Weitere Leistungen der musikwissenschaftlichen Dokumentation bleiben gänzlich unerwähnt, etwa die Digitalisierung der Zeitschrift für Instrumentenbau und der Phonographischen Zeitschrift. Die anerkannte Expertise auf dem Gebiet der Tonträgerforschung wird ausgespart, ebenso wie daraus resultierende Sammlungs-, Erschließungs- und Digitalisierungsaktivitäten.

Gleichfalls unerwähnt bleiben die zahlreichen Aktivitäten des SIM auf dem Feld der Kulturellen Bildung, die ein reiches Spektrum an Veranstaltungen in Form von Konzerten, Workshops, Führungen, wissenschaftlichen Symposien und Präsentationen umfassen.

Der Evaluationsbericht enthält keinerlei Aussage zur besonderen Struktur des SIM. Das Institut ist ja nicht nur durch die Fachexpertise seiner Mitarbeiter*innen, sondern im Vergleich zu den anderen Einrichtungen in besonderem Maße auch architektonisch und technisch auf seinen Bestandszweck, die Musikforschung, ausgerichtet. Die Vereinigung von Musikinstrumenten-Museum, Konzertsaal, Tonstudio, akustischen Messräumen, Überspielplatz, Fachbibliothek und Archiv unter einem Dach bietet ideale Voraussetzungen für die musikalische Forschung, Vermittlung und Praxis. Würden die Empfehlungen des Wissenschaftsrats umgesetzt, würde dieses Potential ausfallen anstatt unter verbesserten strukturellen Bedingungen, wie sie der WR für die anderen Einrichtungen durchaus empfiehlt, optimal ausgeschöpft zu werden.

Dr. Thomas Ertelt